Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen

17 Mai 2022

1. Europa der Sprachen

Europa ist ein Kontinent der Vielfalt von Regionen, Traditionen, Mentalitäten, Religionen und Sprachen. Die verschiedenen Perspektiven auf diese Heterogenität und der Umgang mit ihr sowie deren Auswirkungen prägen sehr stark das Europabild und dessen Geschichte.

Die meisten europäischen Länder werden heute von regionalen autochthonen Gruppen bewohnt, die eine andere Sprache als die der Mehrheitsbevölkerung sprechen. Diese Situation ist eine Folge der historischen Veränderungen und der Staatsbildungsprozesse. Die Grenzen der Staaten waren jedoch nicht mit den Grenzen der Sprachen identisch. Die Situation der Regional- oder Minderheitensprachen ist in demografischer Hinsicht sehr differenziert. Eine sich vereinheitlichende Zivilisation und  eine assimilatorische Politik der Staaten stellen für viele Regional- oder Minderheitensprachen eine Gefahr dar, was ihre Erhaltung oder Entwicklung betrifft. [1]

2. Die Europäische Charta und die sprachliche Vielfalt

Der Rückgang der Regional- oder Minderheitensprachen in Europa des 20. Jahrhunderts war der Grund dafür, dass der Europarat 1992 in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen konkrete Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung des lokalen Gebrauchs von Minderheitensprachen formuliert hat. Die Charta ist ein multilateraler völkerrechtlicher Vertrag. Die Republik Polen hat die Charta am 12. Februar 2009 ratifiziert.

Die Charta fördert die sprachliche Vielfalt als eines der wertvollsten Elemente des kulturellen Lebens in Europa und trägt zur Entwicklung der Regional- oder Minderheitensprachen bei, indem sie unter anderem sicherstellt, dass die Sprecher von Minderheitensprachen wieder oder weiterhin ihre Sprachen in der Schule, am Arbeitsplatz, in den Medien, im wirtschaftlichen, administrativen, sozialen und kulturellen Leben und in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit verwenden können.

Die Charta bietet eine Grundlage für eine innerstaatliche Vereinbarung zwischen den Gemeinschaften, die Regional- und Minderheitensprachen sprechen, und der öffentlichen Verwaltung und enthält angemessene Garantien und konkrete Leitlinien für den Schutz und die Entwicklung der Minderheitensprachen. Die in der Charta enthaltenen konkreten Forderungen und Vorschläge helfen den Staaten, die die Charta ratifiziert haben, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um den Gebrauch traditioneller Regional- oder Minderheitensprachen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens aktiv zu fördern oder es vielen Menschen zu ermöglichen, die Sprache ihrer Vorfahren, ihrer Familien und ihrer Heimat zu erlernen, weil sie in ihrem eigenen Land aufgrund der komplexen politischen und sozialen Situation dazu nicht die Möglichkeit hatten. In der Charta wird auf die zahlreichen Möglichkeiten des Sprachenlernens auch im außerschulischen Bereich hingewiesen.

3. Der Weg zur sicheren Zukunft der deutschen Sprache

In Bezug auf das zyklische Monitoring der Umsetzung der Charta durch den Europarat und angesichts der Schlussfolgerungen und Empfehlungen des Ministerkomitees des Europarats und insbesondere der wiederholten Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der deutschen Sprache als Minderheitensprache hat der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) eine solide schriftliche Stellungnahme zur Umsetzung der Charta ausgearbeitet. Das Dokument enthält Anmerkungen und Forderungen seitens der Organisation der Deutschen in Polen, die sich auf die Umsetzung der Charta durch die polnische Vertragspartei beziehen.

Die Stellungnahme des VdG, die in dem Dokument „Der Weg zur sicheren Zukunft der deutschen Sprache“ formuliert ist, wurde am 18. Oktober 2021 durch einen Beschluss des Vorstandes verabschiedet und im Dezember 2021 an das polnische Ministerium für Inneres und Verwaltung sowie an den Europarat übermittelt. Am 11. Mai 2022 wurde das Dokument in der Öffentlichkeit vorgestellt: Vertretern der deutschen Minderheit, den Lehrer:innen und der lokalen Regierung.

 


[1] Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Konferenz über Regional- und Minderheitensprachen (http://alt.haus.pl/m/arch-762.html)

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