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Forschungsprojekt: Die Sprachensituation der deutschen Minderheit in Polen

7 Juni 2023

Neues Forschungsprojekt: Die Sprachensituation der deutschen Minderheit

Aufruf zur Zusammenarbeit und Unterstützung an Organisationen der DMi

Im Rahmen der Konferenz „Die deutsch-polnische Grenze in der Zwischenkriegszeit“, die vom 19.-21. Mai 2023 auf dem St. Annaberg stattfand (darüber zu lesen hier und hier) präsentierte Dr. Michał Matheja, Projektleiter am Forschungszentrum der Deutschen Minderheit (FZDM) ⇒ https://fzentrum.pl/de/, in seinem Vortrag Vom FZDM initiierte Forschungsstudien – ein Rückblick. Neues Forschungsprojekt: die sprachliche Situation der deutschen Minderheit die Arbeit des Forschungszentrums und kündigte ein neues Forschungsprojekt an.

Dieses neue Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Justyna Kijonka – Soziologin, Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Schlesischen Universität in Kattowitz – hat das Ziel die sprachliche Situation der deutschen Minderheit in ganz Polen in Bezug auf vergangene und gegenwärtige gesellschaftlich-politische Probleme sowie das Sprachniveau unter den Vertretern der Deutschen Minderheit zu analysieren.

Damit diese Analyse auch Erfolg hat, zählt das Forschungsteam – zu dem neben Dr. Kijonka

  • Agata Borek (Germanistin und Mitarbeiterin der humanistischen Fakultät der Schlesischen Universität in Kattowitz),
  • Rafał Cekiera (Soziolog und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Schlesischen Universität in Kattowitz),
  • Nicole Horáková Hirschlerová (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Soziologie-Abteilung der Universität in Ostrava),
  • Ewa Palenga-Möllenbeck (Germanistin, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main),
  • Adam Pisarek (Kulturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Schlesischen Universität in Kattowitz),
  • Paweł Popieliński (Soziologe, Politologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Deutschlandstudien des Instituts der Politikwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften) und
  • Monika Żak (Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Schlesischen Universität in Kattowitz) gehören –

auf eine offene Zusammenarbeit mit den Organisationen der Deutschen Minderheit, denn die Forscher werden mit einem Online-Fragebogen und Gesprächsanfragen noch in diesem Jahr auf die Vertreter der DMi zukommen. Dabei soll ohne Scham über die tatsächliche Sprachensituation und von den Problemen berichtet werden, wie Dr. Matheja mit den Worten unterstrich: „Wahrheit über alles“.

Folgende Forschungsthemen sollen laut der Präsentation untersucht werden:

  • Systemtransformation in Polen
  • Problem des Deutschunterrichts in Polen vor 1989 und nach der politischen Wende
  • kollektive Erinnerung der Gesellschaft und Posterinnerung (erlebte Geschichte und familiäre Überlieferungen)
  • Organisationen der Deutschen Minderheit
  • Arbeit der Medien der Minderheit
  • Entwicklung der Seelsorge der Minderheit
  • Mehrsprachigkeit und ihre Ebenen sowie Kontexte
  • Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen
  • Reduktion im Dezember 2021 der Finanzierung von Minderheitenschulen und des Deutschunterrichts
  • Beschränkung der Wochenstundenanzahl des Unterrichts in Schulen
  • Notwendigkeit einer Diagnose der Sprachkenntnisse unter den Mitgliedern der deutschen Minderheit
  • Notwendigkeit einer Bestimmung des Kontextes, in der Deutsch von den Mitgliedern der deutschen Minderheit verwendet wird
  • Problem der Mehrsprachigkeit und Asymmetrie bei der Verwendung der polnischen und deutschen Sprache

Dieses Projekt möchte außerdem versuchen einige Forschungsfragen zu beantworten, wie:

  • Wie viel Prozent der Vertreter der deutschen Minderheit spricht Deutsch in seinen verschiedenen Varianten und in unterschiedlichen situativen Kontexten (deklarativ und tatsächlich)?
  • Über welche Sprachkenntnisse verfügen die verschiedenen Alters- und Berufsgruppen?
  • Wie ist die räumliche Verteilung der „Sprachinseln“ der deutschen Minderheit in Polen?
  • Wo erlernten die Vertreter der deutschen Minderheit die deutsche Sprache?
  • Welche Sprachvarietäten des Deutschen verwenden die Vertreter der deutschen Minderheit in Polen?
  • Ist die deutsche Minderheit in Polen zweisprachig?
  • Wie stellt sich die sprachliche Asymmetrie unter der deutschen Minderheit in Polen dar?
  • In welcher Sprache beten die Vertreter der deutschen Minderheit in Polen? Wie viel Prozent der Vertreter der deutschen Minderheit in Polen nimmt an der deutschsprachigen Seelsorge teil? Was ist die Besonderheit der deutschen Seelsorge in Polen?
  • Welche Rolle spielt der muttersprachliche Deutschunterricht an Schulen für die Entwicklung der nationalen und ethnischen Identität?
  • Welchen Einfluss wird werden die Deutschstundenkürzungen für die jüngsten Generationen haben?
  • Nutzen die Vertreter der deutschen Minderheit deutschsprachige Medien? Welche Sprachvariante des Deutschen ist in den Medien der deutschen Minderheit in Polen gegenwärtig?
  • Gibt es einen Minderheitenstress unter den Vertretern der deutschen Minderheit in Polen?
  • Welchen Einfluss haben die Organisationen der Deutschen Minderheit auf die Situation der deutschen Minderheit in Polen?

Neben den bereits erwähnten Gesprächen mit Vertretern der deutschen Minderheit sowie lokalen Akteuren und des Online-Fragebogens, werden für die Untersuchung alle bis dato vorhandene Forschungen und Daten zu diesem Forschungsgegenstand analysiert. Für die folgenden Jahre sind Untersuchungen an Schulen und in Klassen geplant sowie eine Vertiefung der Untersuchungen des Jahres 2023.

Dr. Matheja informierte zudem über bereits begonnene Forschungsprojekte, die in nächster Zeit publiziert werden:

  • Die deutsche Minderheit in Polen vor dem Hintergrund der Wende und Systemtransformation nach 1989
  • Das Erbe des deutschen Protestantismus in Polen nach 1945. Politik – Eigentum – Erinnerung – Identität.
  • Die Beziehung der Einwohner Oberschlesiens zum Kulturerbe der deutschen Juden am Beispiel von Friedhöfen und Synagogen
  • Die Erinnerung im Nachkriegspolen (Volksrepublik Polen und Dritte Republik Polen) an die Lager für die als Deutsche anerkannte Bevölkerung, die nach 1945 existierten

Die Grundaufgabe des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit besteht darin, sich auf wissenschaftlicher Grundlage Forschungen anzunehmen und zu koordinieren, die die deutsche Minderheit, ihre Geschichte sowie ihr Kulturerbe betreffen.

Das Forschungszentrum ist für Vorschläge zu Forschungsprojekten offen, Dr. Matheja rief sogar während seines Vortrages auf dem St. Annaberg ausdrücklich dazu auf, Ideen für Forschungen für das Jahr 2024 und 2025 dem FZDM zukommen zu lassen. Nach dem Sammeln von geeigneten Themen und Forschungsfragen wird das Forschungszentrum Institute und Einrichtung suchen, die dann die darauf basierende konkrete Forschungsprojekte ausführen.

Es müssen allerdings gewisse Voraussetzungen für eine solche Forschungsidee beachtet werden, wie Dr. Matheja erklärte, damit sie auch zu einem Forschungsprojekt werden kann. Das Thema muss nämlich:

  • die deutsche Minderheit in Polen betreffen und relevant für sie sein
  • ganz Polen abdecken oder überregional bzw. zumindest regional sein (aber nicht lokal)
  • bisher gar nicht bis kaum erforscht sein.
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